Schlafstörungen – Ein Risikofaktor

In unserer Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft kommt der Schlaf immer mehr zu kurz: Untersuchungen zeigen, dass wir ungefähr eine halbe Stunde bis eine Stunde weniger schlafen als noch vor 100 Jahren. Jeder Funfte schläft kürzer als sechs Stunden! Außerdem nehmen Ein- und Durchschlafstöungen immer mehr zu. All das geht nicht spurlos an uns vorüber; denn zu wenig Schlaf kann verschiedene psychische und körperliche Erkrankungen verursachen.
Ein Beitrag von Dr. Karin Mann

Das Spektrum an Krankheitsbildern, die durch Schlafmangel und Schlafstörungen entstehen können, ist, wie man inzwischen weiß, sehr breit. Da sind zunächst einmal die psychischen Erkrankungen: Stimmungstiefs, Angststörungen, Depressionen. Eine große Analyse von über 20 Studien konnte belegen, dass insomnische Symptome (auch ohne gleichzeitig bestehende psychische Erkrankung) mit einem doppelt so hohen Risiko ein- hergehen, zu einem späteren Zeitpunkt im Leben depressiv zu werden.

Ferner erhöhen Schlafstörungen schon bei Jugendlichen die Gefahr, dass sie vermehrt zur Zigarette und zur Flasche greifen. Und auch das Selbstmordrisiko steigt steil an, wenn Menschen ständig schlecht schlafen: Eine Übersicht über Studienergebnisse zum Zusammenhang zwischen Selbstmorden, Suizidgedanken oder versuchen und Schlafmangel bzw. gestörtem Schlaf zeigt, dass schon allein die Verkürzung der Schlafdauer mit vermehrten Selbstmordgedanken und -versuchen einhergeht. Eine andere große Untersuchung deutet darauf hin, dass die Wahrscheinlichkeit für ein Suizidrisiko pro Stunde Schlaf drastisch abnimmt! Man kann also tatsächlich eine Menge für seine psychische Gesundheit tun, indem man sich genügend Schlaf gönnt.

Aber nicht nur Schlafmangel und Schlafstörungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass jemand auf die Idee kommt, sich das Leben zu nehmen. Auch Alpträume sind ein ernst zu nehmender Risikofaktor: Schon gelegentliche Alpträume steigern einer großen finnischen Studie zufolge die Selbstmordgefahr um mehr als die Hälfte; regelmäßige schlimme Träume verdoppeln sie sogar.

Mangel an „Glückshormon“ verschlechtert Stimmung und Schlaf

Der Grund für den Zusammenhang zwischen gestörtem Schlaf, Depressionen und Selbstmordrisiko könnte in dem Nervenbotenstoff Serotonin liegen, der im Gehirn hergestellt wird und nicht nur den Schlaf-wach- Rhythmus, sondern auch die Stimmung reguliert. Bei einem Mangel an diesem „Wohlfühlhormon“ im Gehirn leiden wir unter gedrückter Stimmung und Selbstmordgedanken, neigen oft sogar zu aggressivem Verhalten; außerdem verschlechtert sich der Schlaf. Viele Antidepressiva beruhen daher auf dem Prinzip, den Serotoninspiegel im Gehirn zu erhöhen.

Doch nicht nur unserer Psyche, auch unserem Körper setzen Schlafmangel und Schlafprobleme zu: Schon eine einzige Nacht mit Schlafentzug führt dazu, dass die Impfantwort auf eine Hepatitis-A-Impfung deutlich schlechter ausfällt. Gesunde Versuchspersonen, die man mit einem Schnupfenvirus infizierte, bekamen stärkere Schnupfensymptome, wenn sie vor der Infektion schlecht geschlafen hatten. Auch die Regulation des Blutzuckerspiegels verschlechtert sich bereits dann, wenn Probanden vorher zwei bis drei Nächte lang einer Schlaffragmentierung durch akustische Reize ausgesetzt waren.

Langfristig erhöhen Schlafmangel und schlechter Schlaf das Risiko für die Entstehung von Diabetes, metabolischem Syndrom und Herz-Kreislauf-Krankheiten wie Bluthochdruck oder Arteriosklerose. Eine Metaanalyse aus Italien, die diesen Zusammenhang anhand vieler Studien untersuchte, zeigt, dass das Risiko für die Entstehung von Herz-Kreislauf- Erkrankungen bei Patienten mit Schlafstörungen um 30 bis 50 % höher ist als bei Schlafgesunden.

Schlafstörungen schwächen das Herz

Eine große norwegische Beobachtungsstudie kam zu einem noch erschreckenderen Ergebnis: In dieser über elf Jahre dauernden Untersuchung zeigte sich bei Patienten, die an Ein- und Durchschlafproblemen litten, ein deutlicher Anstieg der Wahrscheinlichkeit, eine Pumpschwäche des Herzens (Herzinsuffizienz) zu entwickeln – und zwar unabhängig von anderen Risikofaktoren für Herzerkrankungen.

In dieser „Helseundersøkelsene i Nord-Trøndelag“ (HUNT)-Studie, die zu den weltweit größten Beobachtungsstudien gehört, erhielten rund 70 000 erwachsene Bewohner der Provinz Nord-Trøndelag in Norwegen regelmäßig Fragebögen zu ihrem Gesundheitszustand, in denen unter anderem auch nach ihrer Schlafqualität gefragt wurde: Litten die Studienteilnehmer unter Ein- und Durchschlafstörungen? Wenn ja, wie oft? Fühlten sie sich morgens nach dem Aufstehen wach und erholt? Die Antworten der Teilnehmer (die zu Beginn der Studie an keiner Herzkrankheit gelitten hatten) wurden dann zu späteren Herzinsuffizienz-Erkrankungen in Beziehung gesetzt.

Diese Studie ergab nicht nur, dass schlechter Schlaf das Herzinsuffizienz-Risiko erhöht, sondern zeigte sogar einen dosisabhängigen Zusammenhang: Teilnehmer, die nur an einem der drei erfragten Schlafproblemen (Einschlafstörung, Durchschlafstörung, unerholsamer Schlaf) litten, hatten lediglich ein leicht erhöhtes Risiko; bei zwei Schlafstörungen war das Risiko bereits um 35 % erhöht; und Probanden, die über alle drei Symptome klagten, erkrankten im Verlauf der Studie dreimal häufiger an einer Herzinsuffizienz als schlafgesunde Teilnehmer.

„Diese Ergebnisse lassen sich vielleicht so interpretieren, dass man ein Symptom eines gestörten Schlafs noch irgendwie ausgleichen kann, sodass es das Herz-Kreislauf-Risiko nur in begrenztem Maß erhöht. Wenn jemand z. B. nur Probleme mit dem Einschlafen hat, lässt sich das womöglich durch einen ausreichend tiefen, ununterbrochenen Nachtschlaf kompensieren. Doch wer nicht nur schlecht einschläft, sondern nachts auch immer wieder wach wird, also lediglich einen leichten, oberflächlichen Schlaf hat, für den gibt es vielleicht keine Kompensationsmechanismen mehr“, kommentiert Dr. Lars Laugsand, Leiter der HUNT-Studie, die Ergebnisse seiner Untersuchung.

Natürlich wurden andere Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Alter, Übergewicht, Diabetes, zu hoher Cholesterinspiegel, Bluthochdruck, Bewegungsmangel, Rauchen, Alkohol etc.) durch eine genaue Befragung der Teilnehmer aus den Ergebnissen der HUNT-Studie „herausgerechnet“. Schlafstörungen sind also offenbar ein unabhängiger Risikofaktor dafür, später einmal an einer Herzschwäche zu erkranken.

Mögliche Zusammenhänge zwischen Schlaf und Herz- Kreislauf-Risiko

Wie kommt es, dass ein gestörter Schlaf das Risiko für Herz-Kreislauf- Erkrankungen erhöht? Ganz genau weiß man das noch nicht; es kommen aber mehrere mögliche Ursachen dafür in Frage. „Natürlich kann man nicht sicher sein, ob die Schlafstörung selbst oder etwas mit der Schlafstörung Zusammenhängendes das Herz-Kreislauf-Risiko erhöht“, erklärte Schlafforscher Dr. Kai Spiegelhalder in seinem Vortrag „Prävention von körperlichen Erkrankungen durch Insomniebehandlung?“ auf der DGSM-Jahrestagung. Zum Beispiel könnte (zumindest bei einigen Teilnehmern der erwähnten Studien) eine unbehandelte obstruktive Schlafapnoe dahinterstecken; denn die Probanden wurden natürlich nicht alle polysomnografisch untersucht. Und dass eine Schlafapnoe das Herz-Kreislauf-Risiko erhöht, weiß man schon seit längerem.

„Wir wissen nicht, ob Ein- und Durchschlafstörungen tatsächlich eine Herzinsuffizienz verursachen“, betont auch Dr. Lars Laugsand. Denn seine HUNT-Studie zeigt lediglich einen Zusammenhang, aber keine Ursache-Wirkungs-Beziehung auf. Um herauszufinden, ob hier tatsächlich eine ursächliche Beziehung besteht (und warum), wären weitere Untersuchungen notwendig.

„Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass die Insomnie Stressreaktionen im Körper aktiviert, die sich negativ auf die Herzfunktion auswirken“, meint Dr. Laugsand. Wir wissen nämlich inzwischen, dass Insomnie-Patienten an einer Art Übererregung leiden, die dazu führt, dass sie sich nicht nur seelisch, sondern auch körperlich schlechter entspannen können: „Ruhe-Herzfrequenz und Blutdruck sind bei Insomnikern erhöht“, erklärt Dr. Kai Spiegelhalder. „Das sind bekannte Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Krankheiten.“

Kurzer Schlaf – kurzes Leben

Angesichts dieser vielfältigen Zusammenhänge zwischen Schlafstörungen und körperlichen Erkrankungen ist es eigentlich kein Wunder, dass schlechter oder zu kurzer Schlaf die Lebenserwartung verkürzt: Einer US-amerikanischen Studie zufolge haben Menschen, die sieben Stunden pro Nacht schlafen, die größte Hoffnung auf ein langes Leben. Zu wenig Schlaf (unter sechs Stunden) verkürzt die Lebensdauer. Zu viel Schlaf ist aber auch nicht gut: Wer dauerhaft mehr als acht Stunden schläft, der muss – statistisch gesehen – mit einem kürzeren Leben rechnen.

Schlafprobleme sind der dritthäufigste Grund für Arztbesuche. Leider werden sie vom Hausarzt nach wie vor hauptsächlich mit rezeptpflichtigen Schlafmitteln (Benzodiazepinen und Benzodiazepinrezeptoragonisten) behandelt, obwohl diese eigentlich nur für eine kurzfristige Therapie geeignet sind, um den Teufelskreis der Schlafstörung zu durchbrechen – das heißt, um dem Patienten das beruhigende Gefühl zu geben, dass er wieder gut schlafen kann, damit er seine Angst vor der Schlaflosigkeit überwindet.

Beste Behandlungsmethode bei Insomnien: kognitive Verhaltenstherapie

Langfristig sind jedoch nicht-medikamentöse Maßnahmen am erfolgversprechendsten, wobei der kognitiven Verhaltenstherapie ein besonders wichtiger Stellenwert zukommt. Ziel dieser Therapie ist es, Einstellungen, Gedanken und Überzeugungen (sogenannte Kognitionen) zum Thema Schlaf zu verändern; denn guter und schlechter Schlaf beginnt im Kopf. Im Rahmen ambulanter Schlafschulungen (meist in kleinen Gruppen) erhalten die Patienten Informationen zu gesundem Schlaf und erfahren, mit welchen Maßnahmen man ihn fördern kann. Sie erlernen Entspannungsverfahren und Techniken zur Stressbewältigung und lernen, wie sich das schlafstörende nächtliche Grübeln abstellen lässt. Meist umfassen solche Programme auch eine Schlafrestriktion (Beschränkung der Bettzeit, s. auch S. 40).

Für Patienten, die unter schweren Schlafstörungen leiden, gibt es stationäre Behandlungskonzepte, die mit ähnlichen Therapiebausteinen arbeiten, aber wesentlich intensiver sind und außerdem viel individueller auf die Probleme und Bedürfnisse des einzelnen Patienten eingehen können. Mit solchen Interventionen lassen sich in den meisten Fällen auch bei hartnäckigen Schlafstörungen gute Behandlungserfolge erzielen.

Schlafmedizin: wichtig für die Prävention

Solche Therapieangebote schießen zurzeit wie Pilze aus dem Boden, denn Schlafstörungen werden immer mehr zum Problem; außerdem kristallisiert sich in der Schlafforschung allmählich die Erkenntnis heraus, dass die frühzeitige Behandlung von Schlafproblemen vielleicht auch eine vorbeugende Wirkung haben könnte. Zwar gibt es bisher nur wenige Untersuchungen darüber, ob man der Entstehung psychischer und körperlicher Erkrankungen vorbeugen kann, indem man Insomnien frühzeitig erkennt und behandelt – oder noch besser: indem man die Menschen auf möglichst breiter Basis über Schlafhygiene und wirksame Stressbewältigungsstrategien aufklärt, damit sie nach Möglichkeit erst gar keine Schlafstörung entwickeln. Aber dass solche Maßnahmen präventiv wirksam sein könnten, liegt nahe.

Um eine frühzeitige Diagnostik und Therapie zu ermöglichen, sollten Ärzte ihre Patienten routinemäßig nach Schlafstörungen fragen und natürlich auch über die wichtigsten schlafstörenden Krankheitsbilder und Behandlungsmethoden informiert sein. „Schlafaufklärung“ darf also nicht bei den Patienten haltmachen, sondern muss auch die Ärzte mit einschließen.

Quelle: Das Schlafmagazin: Heft 04/ 2013